Katarina Witt spendiert neuen Rennrollstuhl

Die Stiftung der Eiskunstlauf-Olympiasiegerin übernimmt alle Kosten des dringend benötigten Sportgeräts für Jannes Günther aus Ashausen





Markus Steinbrück

Ashausen Nein, telefonisch wollten Manja und Marc Günther die frohe Botschaft ihrem Sohn nicht übermitteln. Sie wollten seine Reaktion hautnah miterleben, wollten sehen, wie sehr sich der 17-Jährige über ein Geschenk freut, das ihm die Fortsetzung der sportlichen Karriere für die kommenden Jahre sichern dürfte. So warteten Manja und Marc Günther, bis sich Jannes an einem Freitagnachmittag auf den Rückweg aus dem Lotto-Sportinternat in Hannover machte. Angekommen im heimischen Ashausen, konnten sie die Spannung nicht mehr halten: „Dein neuer Rennrollstuhl wird komplett bezahlt, die Katarina-Witt-Stiftung übernimmt alles!“ Jannes konnte es kaum glauben, ihm fehlten die Worte. „Dann haben wir gefeiert“, erzählt Manja Günther.

Das vorzeitige Weihnachtsgeschenk bildet das Happy End einer langen Geschichte mit mehr Tiefen als Höhen, die von der Finanzierung eines neuen Rennrollstuhls handelt. Seit sieben Jahren widmet sich Jannes Günther dem Rollstuhlschnellfahren. Die ersten zwei Jahre war er mit einem geliehenen Sportgerät unterwegs, die vergangenen fünf fuhr er ein- und dasselbe Modell. Durch das Wachstum im Jugendalter ist der alte Rollstuhl viel zu klein und zu kurz geworden, durch viele Rennen sehr abgenutzt. Am oberen Ende des Einstiegs ist er 28 Zentimeter breit, weitet sich zur Sitzfläche hin auf 31 Zentimeter.

Alter Rollstuhl ist sogar für einen Zehnjährigen zu eng

„Das war mittlerweile so eng, dass nichts mehr ging“, so Manja Günther. Der neue Rollstuhl wird eine Sitzbreite von 34 Zentimetern haben. Zu allem Überfluss hätte Jannes Günther den alten Rollstuhl vor einigen Wochen fast zerstört. Beim Frühtraining im morgendlichen Dunst übersah er einen Baum, der in der Nacht auf die Laufbahn des Erika-Fisch-Stadions in Hannover gestürzt war. Zum Glück verfing sich der Rollstuhl in den Ästen, es gab nur kleine Beschädigungen.

Weil klar war, dass dringend ein neuer Rollstuhl her musste, stattete die Familie Günther dem Unternehmen Wolturnus in Dänemark im Juli einen Besuch ab, um einen Kostenvoranschlag einzuholen. Das neue Sportgerät ist eine Maßanfertigung und sollte etwa 6000 Euro kosten. Nun war guter Rat teuer. Von der Krankenkasse war keine Unterstützung zu erwarten, weil es sich bei diesem Sport um Freizeitgestaltung handele, so die Argumentation. Die erhoffte Sportförderung für Mitglieder im Bundeskader konnte nicht fließen, weil Jannes Günther die Norm im August in der Schweiz um drei Hundertstel verpasste.

Der angepeilte Verkauf des alten Rollstuhls, der etwa 1500 Euro hätte erbringen sollen, scheiterte ebenfalls, weil Jannes so schmale Hüften hat, dass selbst sein zehn Jahre alter Trainingskamerad nicht in den alten Rollstuhl passte. Der letzte Finanzierungsplan: Jannes Günther bringt seine Prämien vom Gewinn von insgesamt fünf Medaillen bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2018 und 2019 ein, das Sanitätshaus Reha-OT in Lüneburg, bei dem Familie Günther seit Jahren Stammkunde ist, gewährt einen Preisnachlass, und den Rest muss die Familie selbst wuppen. „Wir hätten alles ausgereizt und das Geld wohl zusammen bekommen. Es wäre aber hart gewesen“, sagt die Mutter.

Doch dann kam Heinz Mohry aus Garbsen die rettende Idee. 16 Jahre lang war der heute 84-Jährige für den Behindertensportverband Niedersachsen (BSN) tätig. Immer noch unterstützt er die jetzige Landestrainerin Catherine Bader und ist der Verantwortliche des Fördervereins für Rehabilitation (FfR) Frielingen, für den Jannes Günther nach seinem Wechsel von Blau-Weiss Buchholz nach Hannover antritt.

Erhofft hatte sich die Familie lediglich einen Zuschuss

„So einen habe ich noch nicht kennengelernt. Jannes ist ehrgeizig im Sport und in der Schule. Er macht immer Druck, übertreibt es aber nicht“, sagt Mohry, der schon zweimal Rennrollstühle für einen anderen niedersächsischen Kaderathleten über die Katarina-Witt-Stiftung hatte besorgen können. „In all den Jahren haben wir ein gutes Verhältnis zu den Personen der Stiftung aufgebaut. Wenn sie mich bitten, schreibe ich Berichte über unsere Rennsportler. Daher kannte die Geschäftsführerin auch den Namen von Jannes.“

Der FfR Frielingen, ausschließlich gemeinnützige Organisationen werden gefördert, stellte einen Antrag bei der Katarina-Witt-Stiftung in Berlin. Jannes fügte einen sehr ausführlichen Brief bei, erklärte sein Anliegen und beschrieb seine sportlichen Erfolge und Ziele. „Wir haben auf einen Zuschuss in der Größenordnung von 500 bis 1000 Euro gehofft. So war die erste Aussage“, sagte Manja Günther. „Als nach zwei Wochen die Nachricht kam, dass die Stiftung alles übernimmt, sogar die Frachtkosten aus Dänemark, waren wir total sprachlos und glücklich“, ergänzt Heinz Mohry.

Zumal der Stiftungsrat unter dem Vorsitz von Katarina Witt, der einmal im Quartal tagt, die letzte Sitzung 2020 bereits hinter sich hatte und das Stiftungsjahr eigentlich abgeschlossen war. „Nach dem Antrag und zusätzlicher Recherche sagte Frau Witt begeistert: Toll, da müssen wir helfen“, beschrieb Geschäftsführerin Jana Helmig die Entscheidungsfindung. Und so endet das Stiftungsjahr mit dem Projekt „Ein Rennrollstuhl für Jannes“. Ein Projekt, das vor allem eine Familie in Ashausen und viele Freunde, Bekannte und Fans eines sympathischen Rollstuhlschnellfahrers glücklich macht.


Quelle: Hamburger Abendblatt / 25.November 2020


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